· 

Awareness - Bewusstseinsstufen in Gefahrensituationen

Bewusstsein, Achtsamkeit, Aufmerksamkeit. Worte die man üblicherweise in philosophischen Artikeln oder Ratgeberliteratur für gestresste Menschen liest.

 

Hat der Lukas etwa was geraucht und wird nun esoterisch oder fängt er gar zu philosophieren an? Ganz im Gegenteil. Bewusstsein, Achtsamkeit und Aufmerksamkeit sind wichtige Eigenschaften für Sicherheitspersonal.

 

Im deutschen Sprachraum findet man zu dem Thema leider wenig sicherheitsspezifisches. Doch im US-Amerikanischen wurde ich fündig. Und zwar bei Scott Steward. Scott Steward ist der Vizepräsident der Strategic Forecast Ltd. (StratFor), einem hochwertigen Informationsdienst für Konfliktforschung, Geopolitik und Sicherheitsfragen. Davor war er Beamter im US Außenministerium und dort unter anderem Chefermittler bei den Bombenanschlägen auf das World Trade Center 1993 und auf die Israelische Botschaft in Buenos Aires 1992.

 

Situational Awarenes oder Situationsbewusstsein ist notwendig um in gefährlichen Situationen richtig handeln zu können. Dies gilt eigentlich für jeden Bürger, aber ganz speziell für jene, die im Bereich der Sicherheit arbeiten, egal ob bei Polizei, Militär oder privaten Sicherheitsunternehmen.

 

Wer sich über seine Umgebung ständig bewusst ist, wird von gefährlichen Situationen nicht überrascht, sondern kann angemessen reagieren.

 

Situationsbewusstsein ist mehr eine Mentalität, als eine Fertigkeit. Ohne Situationsbewusstsein ist das beste Können nutzlos. Der beste Kampfsportexperte kann unterliegen, wenn er nicht mit einem Angriff rechnet und überrascht wird.

 

Wer bei der Bundeswehr gedient hat wird die Gefährdungsstufe der Standortsicherheit (Alpha bis Delta) kennen. Ein entsprechendes System existiert in allen Armeen der NATO. Das US Marine Corps benutzt einen Farbcode.

 

Jeff Cooper (Oberstleutnant des US Marine Corps a.D., Historiker und Begründer der modernen Pistolenschießtaktik) hat diesen Farbcode übernommen und daraus ein System geschaffen, dass die verschiedenen Stufen der Wachsamkeit des Einzelschützen zu beschreiben.

 

Scott Steward von StratFor rät die Verwendung des „Cooper-Color-Code“ generell für jede Lebenssituation.

 

Je nach Situation sollte man seine Aufmerksamkeit auf die entsprechende Stufe heben.

 

Farbe Bewusstseinsstufe
SCHWARZ Schock
ROT Erkannte Gefahr
ORANGE Alarmiert
GELB Entspannte Aufmerksamkeit
WEISS unvorbereitet

 

 

Weiß – unvorbereitet, abgelenkt - „Hakuna Matata“

 

 

Personen die sich in „Condition White“ befinden sehen keine Gefahr. Sie sind entspannt zu Hause, im Fernseher läuft die Lieblingssendung, Freunde sind zu Besuch, der Kaffee schmeckt hervorragend. Man macht sich keine Gedanken über Gefahren. Das Leben ist schön.

 

Der weiße Zustand ist sehr unbesorgt und entspannend. Er bietet sich an, wenn man sich an einem sicheren Ort befindet und eine Gefährdung nahezu ausgeschlossen ist.

 

Gelb – Entspannte Alarmierung - „Vielleicht könnte etwas passieren“

 

In „Condition Yellow“ ist man zwar immer noch entspannt und gelassen. Man ist sich aber bewusst, dass rein theoretisch etwas passieren könnte.

 

Dennoch ist momentan keine wirkliche Gefahr in Sicht. Man hat aber für den Fall der Fälle mögliche Fluchtwege im Hinterkopf und weiß welche Gefahren eventuell auftreten können.

 

Diese Stufe ist angebracht wenn man im Straßenverkehr unterwegs ist. Man weiß, dass eventuell jemand ohne zu Blinken die Spur wechseln oder akut bremsen könnte. Man passt auf, hält den Sicherheitsabstand ein und fährt vorausschauend.

 

Auch wenn man sich nachts zu Fuß in Großstädten oder stark von Touristen frequentierten Gegenden aufhält sollte man „gelb“ bleiben. Auf "gelb" weiß man, dass es Taschendiebe und üblere Zeitgenossen gibt, auch wenn man selbst noch nie betroffen war. Man macht sich Gedanken, wie man im Fall einer Gefahr reagieren könnte, ohne Paranoia zu entwickeln. Man kann sein Leben genießen, hat aber immer im Hinterkopf, dass man nicht im Lala-Land lebt.

 

Als Sicherheitsmitarbeiter solle man während dem Dienst immer in dieser Stufe verweilen.

 

Orange – aktive Aufmerksamkeit - „Da ist doch was im Busch.“

 

Bei „Condition Orange“ hat etwas die eigene Aufmerksamkeit erregt und man erkennt, das irgendetwas nicht in Ordnung ist. Man fokussiert seine Aufmerksamkeit auf eine mögliche Gefahr.

 

Dies können im Straßenverkehr z.B. schlechte Straßenbedingungen durch Schnee, Eis, starken Regen oder Schlaglöcher sein. Oder extremer Straßenverkehr wie man ihn südlich der Alpen in großen Städten findet.

 

Wenn man zu Fuß unterwegs ist, könnten dies verdächtig aussehende Personen sein, die sich einem nähern oder laute aggressive Rufe von Menschen in der Nähe.

 

Sicherheitspersonal sollte seine Aufmerksamkeit immer auf diese Stufe heben, wenn irgendetwas vom Dienstalltag abweicht. Dies ist zum Beispiel bei verdächtigen Personen, auffälligen Fahrzeugen oder bekannten „Stammkunden“ oder „Stressmachern“ der Fall.

 

Bei Stufe Orange begibt sich der Körper in eine leichte Anspannung. Dies ist auf Dauer ermüdend, kann aber für eine ganze Weile ausgehalten werden.

 

Ist die Gefährdungslage vorüber oder stellt sich etwas als „Falscher Alarm“ heraus kann man wieder auf gelb wechseln.

 

 

Rot – Erkannte Gefahr - „Verdammte Sch...!“

 

Bei „Condition Red“ ist eine definitive akute Gefahr erkannt.

 

Dies kann ein Kind sein, dass plötzlich vor das Fahrende Auto rennt, oder ein Fahrzeug, dass einem die Vorfahrt nimmt.

 

Nachts auf der Straße kann dies eine aggressive Gestalt sein, die mit den Worten „Hey du da!“ direkt auf einen zu läuft.

 

Im Bewachungsgewerbe kann diese nahezu jede Art von Gefahr sein. Eine Person, die gerade auf frischer Tat bei einer Straftat ertappt wurde, mehrere Brandmelder geben Alarm, eine Schlägerei entsteht in einer Diskothek, das Bewachungsobjekt bekommt eine Bombendrohung etc...

 

Bei Stufe Rot stößt der Körper Adrenalin und andere Stresshormone aus und versetzt sich in einen Alarmzustand. Angst kommt auf. Man kann ein Gefühl von Herzrasen und Atemnot bekommen doch man hat sich noch unter Kontrolle und kann handeln. So kann man z.B. noch rechtzeitig Bremsen oder dem Kind ausweichen.

 

Im Fall auf der Straße kann man noch die Flucht antreten oder eine Verteidigungsposition einnehmen und sich Kampfbereit machen.

 

Durch die Ausschüttung von Stresshormonen beansprucht der rote Zustand den Körper sehr stark. Je höher die eigene körperliche Fitness ist, desto länger kann dieser Zustand aufrecht erhalten werden. Tritt dieser Zustand zu häufig oder zu lange auf können stressbedingte Krankheiten oder traumatische Störungen (z.B. PTBS) entstehen.

 

 

Schwarz – Schockstarre - „......“

 

„Condition Black“ ist eine komatöse Starre. Das Gehirn ist von der Situation überfordert und nicht fähig zu handeln. Die Schockstarre tritt vor allem bei unvorhergesehenen Vorkommnissen ein. Das Gehirn hat keinen Erfahrungsschatz auf das es zugreifen kann und entscheidet sich so zur Starre.

 

Die Muskeln spannen sich an und der Körper wird nahezu unbeweglich. Diese Starre kann 10-20 Sekunden dauern. In der Steinzeit hat uns dieses Verhalten wohl öfters das Leben gerettet, da die meisten Raubtiere auf Bewegung reagieren. In der modernen Welt ist diese Eigenschaft eher unvorteilhaft.

 

Eine Schockstarre kann das Gefühl der Macht- und Hilflosigkeit auslösen und kann zu psychischen Traumas führen.

 

„Condition Black“ ist möglichst zu vermeiden!

 

 

 

Verhindern der Schockstarre – Einsatzfähig bleiben!

 

Wie verhindert man den Blackout und bleibt im Ernstfall einsatzfähig?

 

 

1.) Stay aware! - Gelb bleiben!

 

Die wichtigste Regel ist, das Wählen des richtigen Zustandes für die richtige Situation.

 

Je niedriger die Aufmerksamkeitsstufe beim Eintritt einer Gefahr ist, desto höher ist die Möglichkeit einer Schockstarre.

 

Wer in „Stufe weiß“ von einer Gefahr überrascht wird, springt fast automatisch sofort auf „schwarz“.

 

Wer nachts betrunken mit dem Smartphone in der Hand und Kopfhörern im Ohr, Musik hörend durch dunkle Gassen nach Hause läuft, wird den Überfall wohl erst dann realisieren, wenn er aus der Schockstarre aufwacht und der Täter längst verschwunden ist.

 

Dies gilt nicht nur für gefährliche Tätigkeiten. Auch eine Empfangskraft wirkt professioneller und souveräner, wenn sie schon auf den Kunden vorbereitet ist und das Programm zur Besucherverwaltung geöffnet hat, wenn sie ihn von weitem kommen sieht. Das Gegenteil davon ist eine Empfangskraft, die verschreckt vom Smartphone aufblickt, wenn der Besucher am Empfang anklopft, weil er bisher noch nicht wahrgenommen wurde ;)

 

2.) Training! Training! Training!

 

Wer schon einmal in einer Notwehrsituation war weiß wie tölpelhaft man sich im Ernstfall plötzlich benehmen kann. Was man im Training gelernt hat fällt einem dann danach ein.

 

Dies liegt daran, dass das Training wohl nicht intensiv genug oder nicht realistisch genug war.

 

Je realistischer und intensiver eine Ausbildung für Gefahrensituationen ist, desto größer ist die Möglichkeit dass man auf Stufe Rot souverän handeln kann.

 

Ausbildungen für Gefahrensituationen sollten also auch eine gewisse Stressbelastung beinhalten. Wer intensive harte Ausbildungen nicht mag, sollte sich überlegen ob er wirklich für eine Arbeit in Gefahrenbereichen geeignet ist oder ob er nicht vielleicht besser zu einer Bürotätigkeit in der Lohnabrechnung wechseln sollte.

 

Ein häufiger Spruch, den man von Opfern von Unglücken hört ist „Wie konnte so etwas nur passieren“ oder „Das mir so etwas einmal passieren würde habe ich mir nie vorstellen können.“

 

Von Personen die Unglücksfälle ohne Schockstarre überlebt haben und in der Lage war zu handeln und zu helfen hört man oft: „Ich hatte zwar große Angst, war aber gut vorbereitet. Und als es passiert ist habe ich einfach nur abgespult was ich im Training gelernt habe“

 

Fazit:

 

  • Entscheiden sie selbst, ob sie Opfer oder aufmerksamer Beobachter sein wollen.

  • Seien Sie sich realistischen Gefahren bewusst, ohne Paranoia zu entwickeln.

  • Genießen Sie das Leben, seien Sie sich aber bewusst, dass Gefahren existieren

  • Passen Sie Ihre Aufmerksamkeit der jeweiligen Situation an

  • Spielen Sie Gefahrensituationen in Gedanken durch und überlegen Sie sich realistische Lösungen

  • Vermeiden Sie die Schockstarre

  • Stay aware! - BLEIBEN SIE GELB!

 

Quellen:

 

https://www.linkedin.com/pulse/practical-guide-situational-awareness-scott-stewart

 https://www.linkedin.com/pulse/psychological-threats-situational-awareness-scott-stewart

 https://www.stratfor.com/people/189109

 https://en.wikipedia.org/wiki/Jeff_Cooper